der politische Long Tail

Auf einigen US-Blogs widmet man sich dem netten alten Long Tail-Phänomen und unternimmt - sicher nicht zum ersten Mal - den Versuch, es auf politische Verhältnisse zu übertragen.

Isaac Garcia
sieht die Kampagnen von Barack Obama (und Ron Paul) als die ersten, die von einem politischen Long Tail profitieren; beispielhaft sowohl in deren Aufkommen an (vor allem) Kleinspenden als auch in ihrer Wahlkampforganisation:


"[...]it is his [Obama's, Anmerkung des Verfassers] fund raising and grassroots organization that make The Long Tail most evident. Consider these numbers: Obama raised $32 million dollars in January; $28 million of it was raised online. This is historic."
Geht also darum, dass sich der Wahlkampf Obamas nicht mehr durch einige große Spenden von Großspendern finanziert, sondern durch kleine Spenden von hunderttausenden von Menschen - das Wahlkampfmanagement versucht offenbar sogar, die 1 Mio.-Grenze zu durchbrechen.

Nun kann man fragen, ob Wahlkampfspenden bereits hinreichend sind, um einen politischen Long Tail zu konstatieren - zumal dieser sich dann kaum auf Deutschland übertragen ließe, wo die leidige staatliche Parteienfinanzierung herrscht. Um sich einem genuin politischen Long Tail zu nähern, lohnt ein Blick auf einen Beitrag von Arnold Kling, der mit einer Frage einsetzt:

Which of the following describes your party affiliation

(a) I identify with the platform and leading spokesmen of the Democratic Party

(b) I identify with the platform and leading spokesmen of the Republican Party

(c) None of the above


Würde man sich für (c) entscheiden, so wäre man Teil eines politischen Long Tail nach Klings Verständnis:

The Long Tail is not the political center. It is not a third party waiting to form. It is not a coalition. It is not a "silent majority" of either the right or left. It is simply every variety of political belief that does not fit within the two major parties.
Heißt also, hier werden alle Politikverdrossenen und Wähler von Parteien abseits des etablierten Kerns (z.B. der LINKEn) zum Long Tail gezählt - das ist erstens schön, weil wir dann endlich diesen blöden Begriff abschütteln können (was nicht heißt, dass ich ihn nicht noch gebrauchen werde) und zweitens, weil sich hier tatsächlich die Möglichkeit eines griffigen Verständnisses, das auch weiter führt, anbietet. Denn die Analogie funktioniert: so wie im Original-Long Tail Online-Händler wie beispielsweise Amazon den Großteil ihres Umsatzes nicht mehr mit den wenigen Harry Potter-Dan Brown-Top Sellern, sondern mit einer Vielzahl obskurer Nischenprodukte machen, für die sich jeweils nur wenige, in der Gesamtheit aber unzählige Käufer finden, so scheitern die etablierten 'Massenprodukte' der Politik - die Volksparteien - immer mehr darin ihre Mehrheiten zu sichern, denn die Wähler verteilen sich entweder auf den politischen Rand, oder klinken sich aus der politischen Partiziptation komplett aus, weil sie keine Entsprechungen für ihre individuellen Interessenlagen finden.

Damit wiederum gewinnt der Long Tail sowohl in wirtschaftlicher wie auch in politischer Hinsicht eine gänzlich andere Bedeutung: er wird zum Ausdruck für die prägendste gesellschaftliche Entwicklung der Moderne - die Individualisierung. Und die befördert immer persönlichere Interessenlagen, Motivationen, Konsumprofile und politische Überzeugungen, die es auf Dauer schlichtweg unwahrscheinlich machen, dass sich die Mehrheit auf Top-Seller wie die SPD oder Harry Potter einigt.

Aber was heißt das politisch? Auf lange Sicht Weimarer Verhältnisse? Nein. Es wird sich kaum für jede obskure Interessenlage eine Partei gründen - schließlich gibt es schon genug special interest-Parteien weit unterhalb der 5%-Hürde. Ehr möglich wäre eine Entwicklung wie sie Franz Walter in der Süddeutschen (aber mit dem selben Zauselbild wie bei Spiegel Online) zeichnet:
"Populistische Figuren werden somit künftig in schöner Regelmäßigkeit auftauchen, auch erhebliche Resonanz finden und zahlreiche Wähler sammeln - aber dann für den Regierungsalltag in heterogenen Kabinetten nicht taugen."
Damit würde sich in gewisser Weise der Kreis zu Barack Obama schließen, der es schafft, viele der Unentschlossenen, eigentlich längst Entpolitisierten durch einen charismatischen und rethorisch wie symbolisch aufgeladenen Wahlkampf auf seine Seite zu ziehen. Oder auch zum Gysi-Lafontaine-Gespann. Zustimmen muss man Herrn Walter jedoch nicht, denn seine Überlegungen gehen von dem Status Quo aus, in dem der Bundestag fünf Parteien beherbergt. Da muss man sich nicht bloß an der Zahl reiben, mann könnte auch die Existenzberechtigung von Parteien an sich anzweifeln. Damit befindet man sich aber wieder im Reich Phantasie, meiner politischen Fantasie, um genau zu sein, und das möge Inhalt eines anderen Postings irgendwann in der Zukunft sein.