Jörg Schönenborn, Stamm-Wahlmoderator der ARD, bloggt über die Vorwahl in New Hampshire und darüber, wie sehr das Wahlergebnis von den Prognosen abwich:

In New Hampshire komme ich auf mindestens vier Unsicherheitsfaktoren. Man stelle sich ein Umfragetelefonat am vergangenen Samstag mit einer zufällig ausgewählten Telefonnummer in New Hampshire vor. Erste offene Frage: Geht der Angerufene überhaupt zu Wahl? Das tun in Amerika selten mehr als 50%. Zweite offene Frage: An welcher Wahl nimmt er teil? Fast die Hälfte der Bürger von New Hampshire ist als unabhängig registriert und kann noch auf dem Parkplatz vor dem Wahllokal entscheiden, ob er zu den Demokraten oder zu den Republikanern wählen geht. Dritter Unsicherheitsfaktor: Für welchen Kandidaten entscheidet er sich und vierter Unsicherheitsfaktor: Was passiert im Kopf dieses angerufenen Wählers zwischen Samstag und Dienstag?


All das führe zu einer beträchtlichen Unsicherheit in der Vorhersage von Wahlergebnissen. In Deutschland jedoch, wie Herr Schönborn betont, sei die Situation unkomplizierter, weil "die politischen Verhältnisse bei uns ungleich stabiler sind". Aha? Die erste Frage "Geht der Angerufene überhaupt zur Wahl" stellt sich hier ebenso. Gleiches gilt für die Frage, wen er wählt und erst recht, ob es bei dieser momentanen Präferenz bleibt.

Davon abgesehen bloggte ich dieses Thema bereits unter dem Titel 'Die Vermessung der Menschen: Wahlforschung':

Erschwerend kommt hinzu, dass der Wähler immer weniger fassbar wird und auf die Prognosen reagieren kann. Der Wählertypus, der Zeit seines Lebens der Verbundenheit zu einer Partei auf dem Wahlzettel Ausdruck verleiht, ist im Schwinden begriffen und wird ersetzt durch den Wechselwähler, der seine Wahlentscheidung möglicherweise erst in der Wahlkabine trifft und sie auf Basis von Sympathie oder auch Informationen (über Parteien, Wahlprogramme etc.) trifft. Noch komplizierter für die Wahlforschungsinstitute ist der strategische Wähler, der gerade die aktuellen Prognosen für seine Wahlentscheidung heranzieht, der also zum Beispiel einer Partei mit geringen Erfolgsaussichten doch nicht seine Stimme verleiht. Wahlforschung verursacht wachsende Rückkopplungen im ‚Wählermarkt’.