Investivlohn

Etwas länger als ein Jahr her, aber gut geeignet als Aufhänger:

"Es wäre gut, wenn es die Erhöhungen in dieser Tarifrunde als Investivlohn geben würde", sagte Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener Ifo-Instituts, dem "Tagesspiegel". Das sei "eine einmalige Chance." Die Politik müsse dazu einen Anreiz setzen, in dem sie die Erträge aus einem Investivlohn nachgelagert besteuere.
Warum es gut wäre oder worin die Chance bestünde, bedurfte offenbar keiner Erklärung. Warum auch, schließlich geht es um Lohnerhöhungen und der Investivlohn wird gemeinhin in Verbindung gebracht mit Zinsausschüttungen für die Angestellten, die zugleich wesentlich motivierter ans Tagewerk gehen. So haben schließlich alle was davon und bestimmt niemand was dagegen.

Dennoch: warum ist ein additiver Investivlohn - denn nichts anderes sind Lohnerhöhungen, die direkt ins Unternehmen investiert werden - regulären Lohnerhöhungen, um die es in der damaligen Debatte ja eigentlich ging, vorzuziehen? Durch die würde den Arbeitnehmern schließlich die Freiheit überlassen, mit ihrem Lohn nach gusto investiv umzugehen - oder dies zu lassen. Die Frage enthält die Antwort, denn der Investivlohn bedeutet für ein Unternehmen, dass die Liquidität direkt wieder ins Unternehmen investiert wird, faktisch also dort verbleibt. Man kann annehmen, dass dies aus Sicht der Unternehmerseite einen mehr als hinreichenden Vorteil gegenüber einer ordinären Lohnerhöhung darstellt.

Nicht zuletzt die Gewerkschaften stehen dem Investivlohnmodell eher skeptisch gegenüber:
Es könne nicht sein, dass Arbeitnehmer neben ihrem Arbeitsplatzrisiko auch noch ein Kapitalrisiko tragen müssten, sagte Gewerkschaftschef Jürgen Peters
Die Sozialdemokratie hingegen nicht:
Vor diesem Hintergrund begrüßt der Bundesfinanzminister in dem Papier "spürbare Lohnzuwächse" und macht sich dafür stark, die Arbeitnehmer am Unternehmenskapital, wie dem vorgeschlagenen Deutschlandfonds, zu beteiligen.
Und das hat Gründe. Denn die Tarifautonomie bietet Politik nur wenige Einfallstore um das Lohnniveau zu beeinflussen - zum Glück. Das Arbeitnehmerentsendegesetz ist eines davon - die Verhandlungen um den Mindestlohn, der auf Grundlage dieses Gesetzes Branche für Branche herbeikonstruiert wird, sind aber schon kräftezehrend genug. Wie verlockend klingt es da wohl, der Bedingung der Unternehmerseite - "Lohnerhöhungen ja, wenn sie als Investivlohn ins Unternehmen zurückfließen" - nachzugeben, um sich dann im Licht des modern klingenden Investivlohns und der vermeintlichen Lohnzuwächse zu sonnen.