Aber sowas von off topic, baby

Kinners, wer hätte es sich träumen lassen, dass ich einstmals ein neues Radiohead-Album am Erscheinungstag im Büro hören würde... bis vor 6 Minuten haderte ich noch, das sei doch unwürdig, müsse zelebriert werden, 42 Minuten vor der heimischen Anlage niederknien und dergleichen. Unfug. Gerad läuft der zweite Track Bodysnatchers.

Hätte es vor 10 Jahren schon last.fm gegeben, so wären Radiohead auf meinem Profil wohl uneinholbar im fünfstelligen Bereich auf der #1, denn OK Computer habe ich zwischen 1997 und ca. 2001 gefühlt ununterbrochen gehört. Erworben wurde auch sie schon am Erscheinungstag im örtlichen Marktkauf. Es gab nur ein Exemplar, das ich mir tollkühn, alle Freundschaft mit Tim ungeachtet, unter den Nagel riss. Was dann, als ich es hörte, genau geschah, weiß ich nicht mehr, nur dass mich - der ich bis dato mit Britpop nur Blur und Oasis verband und immer noch von Guns'n'Roses und Bon Jovi aus den frühen Jahren meines Musikhörens geprägt war - dass mich das alles, von Airbag bis The Tourist so absolut vom Hocker riss, mir die Schuhe auszog, ich mit offenem Munde da saß und was man noch so alles an billigen Floskeln dranhängen kann.

Hören kann ich OK Computer selbstverständlich kaum noch, und wenn dann nur aus Gründen sentimentaler Rückschau oder Ehrerbietung. Die einstigen Singles muss ich mittlerweile skippen. Airbag nimmt mich immer noch ungemein ein, Subterranean Homesick Alien ist inzwischen mein Favorit, dicht gefolgt von The Tourist.

2000, nach unerträglichen drei Jahren des Nichts erschien dann das angeblich so bahnbrechende Kid A, wenig später das Schwesteralbum Amnesiac. Ich kannte das Material von Live-Versionen aus dem Internet, war auch selbst auf zwei Konzerten dabei. Und: das Album enttäuschte mich beim ersten Hören, vermutlich auch bei den darauffolgenden. Was mich dann noch viel mehr enttäuschte, war meine Enttäuschung, denn ich war selbst schuld. Die Diskrepanz zwischen den Live-Versionen und den auf CD gebannten irritierte mich, ich war erstere gewöhnt und die Kälte insbesondere der beiden Eröffnungstracks (die sich alsband als Wärme herausstellen sollte) stieß mich ab. Letztlich war es auch eine zwangsläufige Enttäuschung, die sich daraus speiste, dass die Erwartungshaltung, die sich an ein zweites OK Computer richtete, nur enttäuscht werden konnte. Kid A mag ein überragendes Album sein (ist es auch fast, trotz des langweiligen Rocksongs Optimistic und trotz Motion Picture Soundtrack), aber OK Computer war in meiner musikalischen Entwicklung nicht weniger als ein Durchbruch, ein Meilenstein.

Amnesiac ging irgendwie an mir vorbei, enttäuschte durch den schwächsten Radiohead-Opener aller Zeiten (ja, auch hinter You), glänzte andererseits mit den besten elektronischen Tracks, die sie bisher vollbracht haben (Pulk/Pull Revolving Doors, Like Spinning Plates). Die an sich famose Idee, einen Song von Kid A einfach nochmal aufzunehmen verpuffte in der recht belanglosen Version Morning Bell/Amnesiac. Insgesamt hinterließ das Album bei mir den Eindruck, kein Band-Effort zu sein. Viel Elektronik, Streicher, das Jazz-Ensemble zum Schluss. Das waren nicht wirklich Radiohead, zumindest nicht mehr hör- und erkennbar.

Hail To The Thief hörte ich zusammen mit meinem Freund Robert in Berlin, und zwar in der vorab ins Netz "geleakten" unfertigen Version, die im Nachhinein von der Band mißbilligt wurde. Es gefiel von Beginn an, so wie ein gutes Album eben gefällt. Ich hörte es exzessiv für einige Monate und seitdem so gut wie gar nicht mehr. Ist das schlecht? Ich glaube kaum. Nicht jedes Album (auch nicht von Radiohead) muss ein All Time Fave werden. Die Platten, die ich immer wieder gerne höre, lassen sich wohl an einer Hand abzählen. Und nur wenige sind darunter jünger als ca. 20 Jahre.

Mittlerweile lief In Rainbows hier gut und gerne sechs mal durch, es ist 15 Uhr. Zwischendurch habe ich sogar ein wenig gearbeitet.