politische Kommunikation im Web 2.0

Puh, soviel Video hab ich im Netz bestimmt noch nie geglotzt. Lohnt sich aber. Steffen Büffel hat seinen Vortrag aus der Reihe "Medien und Politik", den er an der Universität Trier hielt, ins Netz gestellt. Thema: “Demokratie 2.0 - Transformiert die Netzkultur die politische Kommunikation“.

Er stellt die jüngsten Entwicklungen, die unter dem Buzzword Web 2.0 subsummiert werden, vor, legt deren Auswirkungen auf massenmediale und öffentliche Kommunikation vor und spitzt diese dann auf politische Kommunikation am Beispiel des letzten und des bevorstehenden Präsidentschaftswahlkampfes in den USA zu.

Interessant weil sehr plausibel und eingängig fand ich die Unterscheidung der althergebrachten Massenkommunikation eben durch die Massenmedien von Netzwerkkommunikation, wie sie im Netz und dort wohl vornehmlich durch Blogs erfolgt.

Nach wie vor wenig überzeugend finde ich hingegen den Begriff der Gegenöffentlichkeit, der von Büffel - wenn mich meine Notizen nicht täuschen - in Zusammenhang mit der Netzwerkkommunikation gesehen wird. Vor allem Blogs stellen also diese 'Gegenöffentlichkeit' her, die Informationen bereitstellt, die von den Massenmedien übergangen wurden, Berichte der Massenmedien korrigiert und eine größere Meinungsvielfalt zu Themen ermöglicht. Der Begriff 'Gegenöffentlichkeit' ergibt dann aber nur von der Produzentenseite aus Sinn. Die Massenmedien bedienen dann die 'klassische' Öffentlichkeit und die Netzwerke die 'Gegenöffentlichkeit'. Die Trennlinie zwischen beiden ist natürlich porös, wie Büffel auch darlegt, aber sie kann gezogen werden. Von der Rezipientenseite aus gesehen, gibt es aber, daran halte ich fest, immer nur eine Öffentlichkeit, die von allen Produzenten bedient wird. Schließlich ist es überhaupt nicht abwegig, dass ich mich nacheinander in der BILD-Zeitung, bei Spiegel Online und dann in meinem Feedreader informiere.

Zum eigentlichen Thema, nämlich dem politischer Kommunikation unter diesen beschriebenen Bedingungen: es ist auffällig, dass die Beispiele aus den USA durchweg Wahlkampfzwecken dienen und scheinbar im normalen politischen Betrieb (dem zwischen Wahlen) eine untergeordnete Rolle spielen. Letzteres ist in Deutschland definitiv der Fall; selbst bloggende Politiker sind ja - wie Büffel ebenfalls darlegt - eine Seltenheit. Zum einen glaube ich muss man bedenken, dass Wahlkampfe - besonders in den USA - auf das Erzeugen und öffentliche Prozessieren von Gefolgschaft ausgelegt sind. Die politisch interessierten Bürger wollen primär ihren Wunschkandidaten unterstützen und tun das auch - aber nur sekundär - durch negative campaigning gegen die übrigen Kandidaten. Gerade dafür ist das Web 2.0 eine ideale Arena.

Im Modus 'normaler' politischer Kommunikation vor oder zwischen Wahlen, wenn es um das Vorbereiten und Herstellen politischer Sachentscheidungen geht, ist die Wahrscheinlichkeit, Kritik, Forderungen sich zu rechtfertigen oder Politik zu erklären auf sich zu ziehen, wesentlich höher. Das ist für Politik zunächst einmal ein Problem, weil sie darauf auch reagieren muss. Natürlich haben Abgeordnete schon immer Briefe oder E-Mails von Bürgern erhalten und darauf auch geantwortet. Unter Web 2.0-Bedingungen, wie zum Beispiel auf der Plattform abgeordnetenwatch.de lastet aber ein ungleich höherer Druck auf politischen Amtsträgern. Zum einen sind die Hemmschwellen und Barrieren für Bürger, ihrem Abgeordneten zu schreiben, wesentlich niedriger, es werden also mehr Leute davon Gebrauch machen. Zum anderen findet die gesamte Kommunikation, also auch die Antwort des Abgeordneten, im öffentlichen Raum statt, kann also von einer Vielzahl von Menschen gelesen und kritisiert werden.

All dies verleitet zu der These, dass die gegenwärtige politische Kommunikation mit der oben beschriebenen Netzwerkkommunikation nicht wirklich zusammenpasst. Politik ist daran gewöhnt, Informationen von oben nach unten tropfen zu lassen, ohne große Möglichkeiten, von unten nachzufragen oder zu kritisieren. Je mehr sich Netzwerkkommunikation um die Politik herum manifestiert und etabliert, desto mehr wird sich die Politik die Frage gefallen lassen müssen, warum sie am veralteten massenmedialen Ansatz festhält. Täte sie das jedoch nicht und ginge auf die Nachfragen bei abgeordnetenwatch.de oder auf etwaige Blog-Kommentaren ein, müsste sie entblößen, dass nahezu ausschließlich mit immer denselben Musterbriefen, Standardsätzen und der Koalitionsdisziplin gefälligen Formulierungen hantiert würde.

Wie sie es auch dreht und wendet, Politik wird ihren hierarchischen Charakter vor der Blaupause sich ausbreitender egalitärer Netzwerkkommunikation immer weniger verhüllen können. Die Abgeordneten sind nicht wirklich frei, die Parteien sind intern quasi hierarchisch organisiert, der Bürger hat zwischen den Wahlen ruhig zu sein. Politik wird sich auf diese Umwälzungen intern natürlich einstellen (müssen), die Frage ist nur wie.