Religion in der Gesellschaft

Sodele, das Vorstellungsgespräch des Grauens ist überstanden, ab jetzt gilt wieder: es darf muss gebloggt werden.

Inspiriert hat mich die gestrige Lektüre des hochinteressanten Beitrags Religion vs Gesellschaft - die Rückkehr des Mittelalters bei Politik und Panorama, in dem die Rolle eben von Religion in der Gesellschaft analysiert wird. Stutzen musste ich bei dem Wort ‚prämodern’, das in dem Text zweimal fällt. Einmal in diesem Kontext:

Konservative, prämoderne Einstellungen waren in unserer Gesellschaft latent immer vorhanden. Dies bezieht sich nicht nur auf isolierte Personenkreise, wie die radikalen pietistischen Christen auf der Schwäbischen Alb und radikale Evangelikale in den USA.

Und hier:

Diese latent vorhandene prämoderne Gedankengut bricht sich zunehmend Bahn in den Bereich gesellschaftlicher Gestaltungsvorstellungen.

Ich reibe mich weniger an den eigentlichen Aussagen, sondern an der Annahme, Religiösität sei in unserer Gesellschaft vormodern. Der Schluss liegt möglicherweise nahe, wenn man bedenkt, dass Religion ihre einstige Position an der Spitze der Gesellschaft aufgeben und damit Einschnitte wie kaum ein anderer Funktionsbereich der Gesellschaft erleben musste. Herrscher werden heute nicht mehr von Gottes Gnaden ernannt und niemand ist mehr gesellschaftlich gezwungen nach religiösen Vorgaben zu leben (das schließt familiären oder durch sektiererische Organisationen erzeugten Druck nicht aus). Vor allem aber hat die Religion ihren alleinigen Anspruch auf die Auslegung und Erklärung von Natur und Welt abgegeben – nämlich an die Wissenschaft – und letztendlich aufgeben müssen.

Damit tritt genau jene interessante Dynamik hervor, die bei Politik und Panorama herausgearbeitet wird:

Vorstellungen, die die grundsätzliche Leitlinien der Lebensführung aus der Bibel herleiteten, waren immer vorhanden, jedoch überwiegend auf den Bereich der privaten Lebensführung beschränkt.

Diese Bewegung hin zum Privaten finde ich insofern interessant, als sie von den Dynamiken praktisch aller anderen Funktionssysteme abweicht: Moderne Politik (sich selbst beschreibend als Demokratie) ist ohne Öffentlichkeit undenkbar, gleiches gilt in verschärfter Form noch für die Massenmedien. Ebenso für die Wirtschaft, deren Märkte man als Öffentlichkeit auffassen kann.

Als Indizien für den Trugschluss, Religion sei gesellschaftlich irrelevant geworden, sind also die Aufgabe der gesellschaftlichen Spitzenposition, der Verlust des Wissensmonopols und die Hinwendung zum Privaten zu nennen.

Dem möchte ich Gründe gegenübersetzen, die eher nahe legen, Religion einen Platz zu zusprechen, der ihr in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft zukommt, also den eines Funktionsbereichs, der allen anderen gleichrangig gegenübersteht.

Dafür spricht, dass Religion politisch nicht irrelevant ist: die Kirchen sind der größte Arbeitgeber im Pflege- und Gesundheitsbereich und haben entsprechenden Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess der Gesundheitsreform ausgeübt. Nicht mehr als andere Lobbyisten, aber auch nicht weniger. Und dass das große C im Namen der Unionsparteien nicht bloße Fassade ist, kann man an gewissen strittigen Themen wie der Frage von Abtreibungen, Homosexualität oder dem Familienbild ablesen. Selbst die Wirtschaft kann religiös programmiert werden; der Bund Katholischer Unternehmer e.V. verweist darauf. Wie folgenreich das dann tatsächlich für die Unternehmenstätigkeit ist, sei dahingestellt.

Nun strebt Religion unumstritten an, ihre Position in der Gesellschaft aus ihrer Sicht zu verbessern. Das sind genau die Themen, die bei Politik und Panorama vorgestellt und treffend unter dem Titel Religion vs. Gesellschaft subsumiert werden. Ohne dem Thema seine Brisanz zu rauben, lohnt es sich aber meiner Meinung nach zu beobachten, dass es eben nicht nur Religion ist, der sich die Gesellschaft in gewisser Hinsicht erwehren muss: auch die Wirtschaft strebt unter dem Schlagwort Neoliberalismus eine ‚Unterwerfung’ der Gesellschaft unter die Markt- und Kapitallogik an. Auch die Politik strebt eine Politisierung der Gesellschaft an. Einerseits abzulesen aus den gegenwärtigen Vorschlägen des Innenministeriums, die Gesellschaft – verstanden als Summe der Personen, die in ihr leben – zu durchleuchten, andererseits in Bewegungen und Bestrebungen, demokratische Prinzipien in allen Organisationen und Gesellschaftsbereichen einzubauen. Es ist sicherlich nicht überall so offensichtlich wie in den genannten Beispielen, aber grundsätzlich lassen diese eine Lesart zu, laut der jeder Gesellschaftsbereich in gewisser Weise ignorant und arrogant bezüglich seiner eigenen Leistung für die Gesellschaft ist und diese als grundsätzliche Logik für die Gesellschaft wünscht.

Das ist dann ein möglicher Erklärungsansatz um eine Vielzahl der Probleme, die wir beobachten, zu erklären. Und zugleich ein Blickwinkel, innerhalb dessen man Perspektiven für zukünftige Entwicklungen diskutieren kann. Ist die Gesellschaft auf die Integration ihrer widerstreitenden Interessen eingestellt? Muss sie dies sein?