Die Kanzlerin II

ZEIT online charakterisiert die Führungsqualitäten von Angela Merkel und wertet ihre Macht-averse und kompromissorientierte Politik als Stärke. Kann man natürlich so sehen. Widerstreitende Interessen an einen Tisch bringen zu können und am Ende gar noch ein Ergebnis zu präsentieren, mit dem sich alle Seiten identifizieren, gehört zweifellos zu den Eigenschaften einer Führungspersönlichkeit, ist aber nicht die einzige. Wer ständig nur Kompromissbereitschaft zeigt, provoziert immer neue Akteure, die an einem Kompromiss beteiligt sein wollen. So lange, bis Kompromisse für das Gesamtsystem nicht mehr tragfähig sind. Spätestens dann ist wieder ein Entscheider gefragt, der auch über die Interessen einiger hinweg entscheiden kann. Aber auch das kann nur Angela Merkel sein.

Eine Macht-averse und kompromissorientierte Politik ist also nur auf den ersten Blick weniger riskant als eine Macht-affine, entscheidungsfreudige Politik, wie sie dem „Basta-Kanzler“ Schröder häufig zugerechnet wird (obgleich auch dieser es mit der „ruhigen Hand“ versuchte). Wer Entscheidungen entgegen den Interessen Einzelner fällt, den trifft schließlich eine beträchtliche Rechtfertigungslast; als Paradebeispiel hierfür mag die Agenda 2010 dienen.

Auch hier kann also wieder die These aufgestellt werden, dass Frau Merkel nicht dauerhaft mit ihrem Führungsstil Erfolg haben wird. Zumal die Medien nicht dauerhaft ihrer Kompromissbereitschaft huldigen werden. Angesichts der hohen Zustimmung, die ihr in Umfragen zuteil wird, mag sich das derzeit anbieten. Aber Medien mögen Streit, Dissens und Kontroversen in der Politik. Und zu bedenken ist: das Thema ist jetzt da. Die Öffentlichkeit diskutiert den Führungsstil von Frau Merkel. Dass ZEIT online ihn heute als Stärke bewertet, muss nicht heißen, dass er andernorts morgen nicht bereits kritisiert wird, sondern macht dies prinzipiell sogar wahrscheinlicher. Ob das ausgerechnet im Sommerloch funktioniert, sei dahingestellt. Öffentlichkeit ist unberechenbar.