Wissenschaft und Öffentlichkeit

Dieser Beitrag beim Spiegelfechter und vor allem die anschließende Diskussion, auf die sich wiederum dieses Posting im Onezblog (gegen Ende hin) bezieht, inspirieren mich nun zu diesem (bloggen ist so geil, ey) Brainstorming bzgl. Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Betrachtet man Wissenschaft als gesellschaftlichen Funktionsbereich im Vergleich zu anderen wie Politik oder Wirtschaft, so fällt auf, dass sie in einem wohl beispiellosen Ausmaß zu ihrer Umwelt geschlossen ist. Ähnliches ließe sich bestenfalls noch für die Kunst festhalten, nur ist deren Geschlossenheit wesentlich folgenloser.

Wissenschaft produziert kaum Öffentlichkeit, und wenn dann oft ungewollt. Die Gründe dafür sind (mindestens) dreierlei. Zum einen ist Wissenschaft auf ein hochgradiges Spezialistentum und eine je nach Disziplin entsprechend ausgefeilte Fachsprache angewiesen. Öffentlichkeit bedarf aber einer sprachlichen Niederschwelligkeit um die Voraussetzung zu erfüllen, ihr allgemeine Bekanntheit unterstellen zu können. Mit anderen Worten: die Öffentlichkeit besteht im Wesentlichen aus einem Laienpublikum, sowohl gegenüber Politik, Wirtschaft, als eben auch Wissenschaft. Und das heißt, dass immer weniger Menschen außerhalb des wissenschaftlichen Betriebes verstehen, was in seinem Inneren eigentlich passiert. Das ist natürlich weniger ein Resultat einer 'Verdummung' des Publikums, als vielmehr einer Spezialisierung und Fortschreitung wissenschaftlicher Erkenntnis.

Zum anderen bedarf Wissenschaft in einem wesentlich geringeren Maße der Öffentlichkeit. Natürlich produziert sie auch Museen, Science Centers, Ausstellungen und Fachbücher. Natürlich muss sie Nachwuchs rekrutieren und daher zum Beispiel für ein Universitätsstudium werben. Und natürlich möchte sie ihre Erkenntnisse in der Gesellschaft (und besonders der Wirtschaft) streuen. Aber in ihr finden keine politischen Wahlen statt und sie bedient sich keiner Märkte. Im Vergleich ist Wissenschaft also in einem schwächeren Ausmaß auf Öffentlichkeit angewiesen. Und dieses Argument lässt sich noch verschärfen, wenn man das in der Öffentlichkeit gängige (Vor)urteil über das Gefahrenpotential der Wissenschaft hinzuzieht. Zwar produziert die Wirtschaft Wirtschaftskrisen und die Politik Staatskrisen, aber diese sind relativ abstrakter Natur. Wenn es um ‚echte’ Gefahren für Leib und Leben geht, denkt man in erster Linie an die Wissenschaft mit ihrer Gentechnik, ihrer Nukleartechnologie, etc. Das in Comics und in Hollywood gängige Klischee des Mad Scientist mag als illustres aber plausibles Beispiel zur Veranschaulichung gelten.

All diese Argumente können als Erklärung dafür herangezogen werden, wie es möglich ist, in der Öffentlichkeit zum Teil seit Ewigkeiten etablierte wissenschaftliche Theorien erfolgreich in Bedrängnis zu bringen. Das allgemeine ‚Nichtverstehen’ darüber, was zum Beispiel die Evolutionstheorie eigentlich besagt, was überhaupt eine Theorie ist und wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert, ermöglicht das geradezu parasitäre Andocken pseudowissenschaftlicher ‚Theorien’, wie eben dem Kreationismus oder dem Intelligent Design. Dass diese ‚Pseudotheorien’ zudem auch noch religiös codiert sind, betrachte ich in diesem Zusammenhang als nebensächlich. Es geht darum, einfache Erklärungsmodelle zu präsentieren und in einer Weise zu belegen, die dem Unkundigen als wissenschaftlich erscheint, dabei gleichzeitig der Wissenschaft einen Wahrheitsanspruch zu unterstellen, den sie faktisch nie hat (nach meinem Verständnis ist in der Wissenschaftstheorie jede wissenschaftliche Theorie nie wahr, sondern nur so lange nicht falsch, bis sie widerlegt wurde), und sie gleichzeitig an verschiedenen Punkten anzugreifen, zum Beispiel in der Frage nach Bindegliedern zwischen verschiedenen Arten, wie sie von der Evolutionstheorie postuliert werden. Und dies wieder unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit.

Darauf kann die Wissenschaft reagieren. Allerdings nur wissenschaftlich. Und das heißt erneut: Experten, die sich in einer Fachsprache artikulieren, die nur von Experten verstanden wird. Versucht man sich dennoch der öffentlichen Kommunikationslogik zu unterwerfen, dann sitzt man als unbeholfen besser wissender Experte in Diskussionsrunden und kommt kaum zu Wort (Stilmittel der Übertreibung). Oder noch schlimmer: die Medien bedienen sich umgekehrt wissenschaftlicher Logik, präsentieren diese aber so wie Medien es eben müssen. Im Resultat entstehen so Formate wie Galileo oder jede von Guido Knopp produzierte Sendung (Ausnahmen wie Quarks & Co bestätigen die Regel). Die Wissenschaft ist ihrer Kritik also recht hilflos ausgeliefert. Das ist aber von einer höheren Warte aus gesehen nur der wissenschaftliche Aspekt eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens. Denn wenn die Meinung die Wahrheit ersetzt, kann alles und jeder kritisiert werden. Politik, Wirtschaft und eben auch Wissenschaft. Dass dies so geschieht wie beschrieben, nämlich unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit, ist dann der oben umschriebenen Geschlossenheit der Wissenschaft gegenüber ihrer Umwelt geschuldet.