Vernunft in der modernen Gesellschaft – Warnung: Theorie!

Ich habe bereits in früheren Postings angedeutet, dass ich an eine gesamtgesellschaftliche Rationalität nicht glaube. Dieses Argument möchte ich nun empirisch und theoretisch unterfüttern. Auch auf die Gefahr hin, damit Leser abzuschrecken, ist dies also der erste Eintrag in diesem Blog, in dem ich unverhohlen meine akademischen Grundlagen zur Schau stelle. Das macht mir natürlich vor allem Spaß. Ich möchte es aber nicht als Selbstzweck verstanden wissen, denn ich halte die hier zugrunde liegende Gesellschaftstheorie, nämlich die soziologische Systemtheorie nach Niklas Luhmann (um das Kind beim Namen zu nennen) für einen plausiblen und anschaulichen Erklärungsrahmen für gesellschaftliche Prozesse und Ereignisse, wenn es gelingt, den Komplexitätsgrad der Theorie auch auf ein anschauliches Maß herunter zu brechen. Dass ich dies in all meinem Geschreibe versuchen werde, verspreche ich hiermit hoch und heilig. Nun aber ans Werk:

Ein möglicher Ausgangspunkt zur Untersuchung gesellschaftlicher Vernunft ist also jene bereits umrissene Gesellschaftstheorie, die von der Gleichrangigkeit verschiedener Funktionsbereiche ausgeht, die wiederum als Systeme beschrieben werden. Diese Funktionssysteme sind weitgehend zueinander geschlossen und kreisen innerhalb ihrer Systemgrenzen ausschließlich um sich selbst.

Das Funktionssystem Politik nimmt sich gesellschaftlicher Probleme an und bewertet diese nach ihrem Potential der Machtsteigerung. Unter demokratischen Bedingungen manifestiert sich Macht primär durch mögliche Steigerungen der Wählerstimmen. Daher werden vor allem solche gesellschaftlichen Probleme zu politischen Themen, hinter denen man eine zahlenmäßig hinreichend große Klientel von Betroffenen oder Nutznießern vermuten kann. Dies lässt sich als spezifisch politische Rationalität beschreiben, die auf der Steigerung von Macht fußt. Jegliche politische Kommunikation ist immer auch auf Macht basiert. Politische Themen wie Arbeitslosigkeit oder Klimaschutz könnten dann als bloße Vehikel dieser Machtbasierung aufgefasst werden.

Demgegenüber zielt beispielsweise das System Wirtschaft auf die Steigerung von Geld, genauer: Profit ab. Die Güter und Dienstleistungen, mit denen man handelt, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, könnten also analog als bloße Vehikel dieses Ziels der Profitmaximierung aufgefasst werden. Profit wird zur dominierenden Rationalität im Wirtschaftssystem.

Das sind bislang lediglich theoretische Beschreibungen von Dingen, die man auch im Alltag anschaulich beobachten kann, und die häufig kritisiert werden. Entscheidend sind die Schlussfolgerungen, die man aus der Selbstbezogenheit beider Systeme und deren grundsätzlicher Gleichrangigkeit ziehen kann. Arbeitslosigkeit zum Beispiel ist ein von der Wirtschaft erzeugtes gesellschaftliches Problem, das wohl unzweifelhaft das dominierende Thema politischer Kommunikation in unserer Zeit und zugleich ein prägnantes Beispiel für die aufeinander prallenden Rationalitäten von Politik und Wirtschaft ist.

Für die Politik ist Arbeitslosigkeit deshalb ein Problem, weil sie sich im Zuge ihrer Umstellung auf Wohlfahrtsstaatlichkeit dem Primat des (einfach gesagt) ‚Wohlergehens aller’ unterworfen hat. Die Sozialversicherungen und darin natürlich die Arbeitslosenversicherung sind die strukturelle Entsprechung dieser Selbstbeschreibung der Politik als Wohlfahrtsstaat. Nun könnte man einwenden, dass die bekannten Probleme der sinkenden Zahl der Beitragszahler gegenüber einer steigenden Zahl von Beitragsempfängern vor allem monetärer Natur sind und mit Machtpolitik wenig zu tun haben. Aus dieser Sicht wäre es ein leichtes das Problem zu lösen, indem man die Stellschrauben des Systems einfach den Gegebenheiten anpasst, sprich die Beiträge entsprechend senkt (wie ja auch von Vertretern der Marktlogik immer wieder und mehr oder weniger offen gefordert wird). Aber genau hier wird die Machtbasierung der Politik sichtbar, denn Beitragssenkungen würden bei allernächster Gelegenheit von den Wählern abgestraft, so wie es der SPD derzeit ja auch widerfährt.

Für die Wirtschaft hingegen ist Arbeitslosigkeit kein Problem, sie ist aus der rein wirtschaftlichen Rationalität heraus sogar folgerichtig, denn ein Arbeitnehmer ist nur solange profitabel, wie er seine Kosten in Form von Leistung mindestens ausgleicht. Tut er das nicht mehr, beispielsweise aufgrund einer sinkenden Auftragslage, oder weil die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt die gleiche Leistung für weniger Kosten erbringt, also profitabler ist, so wird er eben entlassen. Dies ist nicht mehr und nicht weniger als die schlichte Anwendung wirtschaftlicher Rationalität.

Politische und wirtschaftliche Vernunft kollidieren am Problem der Arbeitslosigkeit. Entscheidend ist nun, dass keine dieser Rationalitäten für sich den Anspruch erheben kann, allgemeingültig, richtig oder wahrheitsgemäß zu sein. Zum einen erbringt jedes der beiden Funktionssysteme eine für die Gesellschaft unabdingbare Leistung und kann daraus die Legitimation für die Verteidigung seiner spezifischen Vernunft ziehen: Ein rein machtbasierter Markt (das wäre Sozialismus oder Kommunismus) ist ebenso wenig denkbar, wie rein marktbasierte Politik (selbst in den liberalsten politischen Theorien nicht). Zum anderen gibt es aufgrund der Gleichrangigkeit der Systeme schlichtweg keine Instanz mehr, die eine endgültige Entscheidung für oder gegen eine dieser Rationalitäten fällen könnte. Es gibt keine Spitze der Gesellschaft.

Zur Veranschaulichung dieses Argumentes bietet es sich an, das Vorläufer- bzw. Gegenmodell zu präsentieren. Während ich oben die funktional differenzierte Gesellschaftsform mit ihren horizontal und gleichrangig angeordneten Funktionssystemen beschrieben habe, die man in ihrer vollen Entfaltung in West- und Mitteleuropa, Nordamerika und Japan beobachten kann, lässt sich als ihre Vorläuferform, die zugleich noch in weiten Teilen der Welt Bestand hat, die Schichtungsdifferenzierung nennen, in der gesellschaftliche Funktionsbereiche zueinander hierarchisch angeordnet sind. An der Spitze dieser Hierarchie stand bzw. steht fast immer die Politik (weswegen auch heute noch der Glaube bestand hat, Politik stünde an der Spitze der Gesellschaft), häufig im Verbund mit Religion. Mit dieser Beschreibungsform der Gesellschaft, die man von der Antike bis in die frühe Neuzeit verfolgen kann, lassen sich zahlreiche Verschränkungen gesellschaftlicher Funktionsbereiche erklären.

Der Merkantilismus beispielsweise kann primär als eine Wirtschaftsordnung gesehen werden, die den Zweck verfolgte, der Politik Geldmittel zur Verfügung zu stellen, also Wirtschaft für Politik.

Die Wissenschaft war über lange Zeit von Politik und Religion abhängig. Zum einen mussten Forscher häufig, um überhaupt arbeiten zu können, die Gunst eines Adeligen erlangen, waren also einem Patronagesystem unterworfen. Zum anderen wurden sie immer dann, wenn ihre Erkenntnisse dem geltenden Kanon widersprachen, der Häresie bezichtigt und hatten Repressionen zu erwarten. Hier also Wissenschaft, für, keinesfalls aber gegen die Politik.

Die Presse und die Massenmedien mussten einen langen Kampf gegen staatliche Zensur ausfechten, bis die Pressefreiheit sich ohne Einschränkungen in den Verfassungen der Nationalstaaten niederschlug. Auch hier galt also: Massenmedien für, keinesfalls aber gegen die Politik.

Diese Beispiele lassen sich beliebig fortführen. Deutlich geworden sollte sein, dass sich unter Bedingungen gesellschaftlicher Schichtung – und zwar nur unter diesen – eine gesellschaftsumspannende Vernunft und Moral halten konnte. Dies hat sich mit dem Einzug funktionaler Differenzierung radikal geändert. Die eine einheitliche Vernunft zerbricht in verschiedene konkurrierende Rationalitäten funktionaler Prägung (Geld, Macht, Wissen, Information etc.).

Die zwingende Verbindlichkeit innerhalb der Funktionssysteme wird nun zu einer Unverbindlichkeit für die Gesellschaft als solche und vor allem für andere Systeme: in der Politik zum Beispiel positionieren sich verschiedene Akteure in unterschiedlicher Art zum Wirtschaftssystem. Da gibt es auf der einen Seite die Sozialisten und Kommunisten, die das Wirtschaftssystem komplett dem Staat unterwerfen wollen; auf der anderen Seite die Liberalen, die eine von staatlicher Seite möglichst unbehelligte Wirtschaft befürworten und irgendwo dazwischen die Volksparteien bürgerlicher und sozialdemokratischer Prägung. In ähnlicher Weise lassen sich wirtschaftswissenschaftliche Schulen in der Wissenschaft anordnen. Die Unverbindlichkeit wirtschaftlicher Rationalität in der Politik wird schon allein darin erkennbar, dass es überhaupt möglich ist, derart verschiedene Positionen einzunehmen.

Entscheidend ist aber aus meiner Sicht, dass an die Stelle der Durchsetzung der alten einheitlichen ‚Vernunft von oben’ der Austausch von Meinungen tritt. Meinungen sind per se unverbindlich. Eine Meinung zu haben impliziert, dass es eine Gegenmeinung gibt. Welche Meinung man annimmt, ist allein auf persönliche Gründe zurückzuführen und muss selbst nicht mehr begründet werden. Nur für die Meinung als solche wird man Gründe anführen, wenn man sie verteidigen will. Man kann von einer Meinung überzeugt sein und diese vehement vertreten, muss aber immer mit Widerspruch in Form einer Gegenmeinung rechnen. Die Gesellschaft stellt sich somit auf permanenten Dissens ein. Alles kann anders gesehen und angezweifelt werden. Hierauf fußen Phänomene wie Politikverdrossenheit, Kritik an der Führung von Unternehmen oder Gerichtsurteilen.

Dieses Primat der Meinung ist in der modernen Gesellschaft derart dominant, dass es sich in praktisch allen Funktionssystemen beobachten lässt: in der Wissenschaft in Form des Disputes, der Peer Review und der Semantik des kritischen Rationalismus. In der Politik in Form der Debatte zwischen Regierung und Opposition und der öffentlichen Meinung. Im Recht in Form des Gerichtsverfahrens als Schlagabtausch zwischen Kläger und Angeklagtem. In den Massenmedien in Form des Kommentars, der Meinungsseite und des Leserbriefes. Zwar werden in den meisten dieser Fälle auch irgendwann endgültige Entscheidungen wie ein Gesetz, eine wissenschaftliche Veröffentlichung oder ein Urteil produziert, aber voran geht immer der Austausch von Meinungen.