Selbstreferenz in den Massenmedien

Dr. Kai Gniffke beschreibt auf dem Tagesschau-Blog, wie sich die Redaktion am 26. Juni letztlich doch dazu entschieden hat, einen Beitrag über den jungen Mann Marco zu senden, der in der Türkei aufgrund des Vorwurfs der sexuellen Nötigung eines Kindes inhaftiert ist:

Sex and crime gehören nun wirklich nicht zu unseren bevorzugten Berichtsgebieten. So war es für uns am vergangenen Freitag auch klar, dass es Marco nicht in die Tagesschau schafft.

Man beginnt mit einer Selbstbeschreibung des Formats Tagesschau, die auf Seriosität und implizite Abgrenzung zu anderen News-Formaten abzielt. Aber:

Dann begann die Medienwelle. Alle stiegen ein, auch seriöse Zeitungen.

Offenbar ist die generelle Berichterstattung in den Massenmedien ein – und vielleicht der vorrangige – Indikator für die Wichtigkeit einer Nachricht. Aber man müsste sich doch am Zuschauer orientieren:

Schlimm wäre es, wenn unsere Zuschauer das Gefühl bekommen, dass die Tagesschau ihnen aus Prinzip die Themen vorenthält, über die am nächsten Tag alle Arbeitskollegen reden.

Herrn Dr. Gniffke ist an den Gefühlen der Zuschauer gelegen. Zuschauer, die er überhaupt nicht kennt und über deren Wünsche und Interessen er lediglich Annahmen treffen kann.

Doch seien wir ehrlich: Wenn die große Medienwelle mit einem Thema kommt, wächst der Druck.

Man kann festhalten: die Entscheidung über die Berichterstattung zu Themen ist (auf Basis dieses Blog-Beitrages auf tagesschau.de) eine selbstreferentielle. Medien beobachten, worüber Medien berichten und entscheiden, ob sie darüber auch berichten. Die Zuschauer sind für Medien eine unüberschaubare Masse mit absolut undurchsichtigen Interessenlagen. Lediglich die nachträglichen Messungen von z.B. Einschaltquoten geben Hinweise darüber, was für eine vermeintlich/vermutlich repräsentative Menge interessant war. Man kann in den Massenmedien ausschließlich mit Konstrukten oder Fremdbeschreibungen ‚des Zuschauers’ operieren.

Ein Grund für den Überhang der Selbstreferenz ist sicherlich das Umgehen von Risiken. Man kann von dem, worüber bereits berichtet wird, annehmen, dass es interessant ist. Oder noch weitreichender: das worüber bereits berichtet wird, hat beim Zuschauer möglicherweise Interessen geweckt, die es lohnenswert machen, weiterhin zu berichten. Fremdreferenz, das tatsächliche Aufbringen eines neuen Themas, ist aus dieser Sicht riskant. Das Thema könnte uninteressant sein.

Ich weiß leider nicht, wo das Thema ‚Marco’ zum ersten Mal aufkam. Nicht unwahrscheinlich ist aber, dass es eines jener Boulevard-Magazine mit ihrem „Sex and Crime“ war, das die Fremdreferenz in die Dinge, die außerhalb der Massenmedien geschehen, gewagt hat.