(Politische) PR und Öffentlichkeitsarbeit

Via Spindoktor bin ich auf ein Interview gestoßen, dass Spiegel Online vor rund einem Monat mit John Stauber vom PRwatch-Blog zum Thema politische PR geführt hat. Hier die Einleitung:

PR-Profis sind Meister im Verdrehen von Fakten: Ob Klimawandel, Arbeiterrechte oder Irak-Krieg - in den USA werden jährlich zig Milliarden Dollar für Meinungsmanipulation ausgegeben, sagt PR-Kritiker Stauber im SPIEGEL-Interview - und erklärt die gängigsten Propaganda-Methoden.

Damit wird ein für meinen Geschmack zu einfaches Bild gezeichnet. „Verdrehen von Fakten“ impliziert, es gäbe dort draußen auch „Fakten“, die man korrekt und wahrheitsgetreu wiedergeben könnte, wenn man nur wollte. „Manipulation“ degradiert Menschen als Rezipienten von PR zu bloßen Subjekten dieser, die gar nicht anders können als zu tun und zu denken wie ihnen geheißen. Frei von Fähigkeiten der Reflektion, des Abwägens, des Vergleichens. „Propaganda“ schließlich ist der wohl schwierigste Begriff in diesem Textausschnitt: zwar kann man darunter neutral das „systematische Bemühen um öffentliche Unterstützung für eine Meinung oder eine Handlungsoption“ verstehen, wie dies auch Wikipedia tut. Dennoch wird der Begriff meist zu stark in Richtung des Faschismus und anderer totalitärer Ausprägungen gerückt, als dass sich sein Gebrauch im Zusammenhang mit politischer PR in demokratischen Staaten anböte. Im Kern soll es hier aber um den Vorwurf des missbräuchlichen Umgangs mit Fakten gehen.

Was diese „Fakten“ betrifft, so bietet sich der Bezug auf mein früheres Posting zum Thema Rationalität in der Gesellschaft an. Fazit war, dass sich die moderne Gesellschaft auf das Kommunizieren von Meinungen und Gegenmeinungen und damit auf permanenten Dissens eingestellt hat. Das schließt das Vorhandensein von „Fakten“ vollständig aus, zumindest in der Sphäre der Gesellschaft und damit der Kommunikation (Auf Diskussionen, ob ein Stein wirklich ein Stein ist, lasse ich mich aber nicht ein).

Erst hierdurch wird PR – und vor allem politische PR – möglich und notwendig. Möglich, weil man nun nicht nur zu allem eine Meinung haben kann, sondern auch jede Meinung haben kann. Behauptungen wie „Der Himmel ist grün“, „Gott ist tot“, „Die Rente ist sicher“, „Geiz ist geil“ oder auch „Sozial ist, was Arbeit schafft“ sind allesamt denkbare Meinungen, die sich erst in einem zweiten Schritt dem Realitätstest unterziehen müssen. Und über diese „Realität“ kann man dann auch geteilter Meinung sein.

Notwendig wird PR, um eben diesen Realitätstest zu überstehen. Denn eine Meinung ist nur eine Meinung und als solche egalitär. Sie hat für sich genommen nicht mehr oder weniger Anspruch auf Richtigkeit wie ihre Gegenmeinung, auch wenn sie von Nietzsche, Norbert Blüm, der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft oder mir stammt. Aufgabe der PR ist dann die Verkleidung der Meinung als Faktum, die Konstruktion einer passenden „Realität“.

Das klingt bislang alles recht harmlos. Dass sich die Spin Doctors haarsträubender Behauptungen bedienen, die man leicht entkräften könnte, wenn man es könnte, dass sie Schwächen in den Systemen der Massenmedien und der Wissenschaft ausnutzen und dass sie dabei über Krieg und Frieden und über die Gesundheit von Millionen von Menschen entscheiden, streite ich nicht ab. Das Problem ist anscheinend das Fehlen einer wirksamen Gegenmacht, die die Gegenmeinung präsentieren könnte und die das Entkräften mit gleichen Waffen vollziehen könnte. Nur so war es beispielsweise möglich, der öffentlichen Meinung den Unsinn über Massenvernichtungswaffen im Irak und eine Connection zwischen Saddam Hussein und der Al Qaida zu injizieren.

Warum es offenbar so schwierig ist, eine Gegenmeinung zu organisieren, die schlagkräftig genug ist, die Egalität zwischen den Meinungen wieder herzustellen, ist mir weitgehend schleierhaft. Vielleicht, um mal ein wenig zu brainstormen, weil so eine Organisation immer nur reagieren müsste und damit fast zwangsläufig zu langsam wäre? Und weil sie auch zwangsläufig immer nur „dagegen“ wäre und ich fürchte „immer nur dagegen“ macht sich auf Dauer nicht gut im Kampf um die Öffentlichkeit. Man gilt als Querulant und Neinsager.