Medien und Heiligendamm in den Medien

Neben dem bewundernswerten Fleiß, den der Spiegelfechter in seiner Medienkritik bezogen auf die Berichterstattung um Heiligendamm aufbringt, überwindet sich inzwischen auch Spiegel Online zu ein wenig Selbstreflexion:

Seitdem die friedliche Demonstration am Samstag von brutaler Gewalt überlagert wurde, versuchen die Veranstalter, das Bild ihrer Bewegung wieder zurechtzurücken. Dabei macht es sich gut, Bösartigkeiten der anderen zu überliefern. Die Polizei reagiert zum Teil übernervös, manche Informationen erwecken den Eindruck gezielter Desinformation. Dazwischen stehen Journalisten aus aller Welt, die sich daraus ein Bild machen und berichten sollen. "Das ist wahnsinnig schwer", sagt der Kollege einer schwedischen Tageszeitung.

Man erkennt zunehmend besser, wie eine möglichst objektive Berichterstattung zwischen den überzogenen Darstellungen der Beteiligten und der schieren Unübersichtlichkeit der Situation zum Erliegen kommt. Die hervorgehobene Position der Nachrichtenagenturen, deren Falschmeldungen sich in fataler Weise unüberprüft von Medium zu Medium fortpflanzen (und jede Zeitung die es druckt, jedes News-Portal, das es veröffentlicht, trägt zu ihrem vermeintlichen Wahrheitsgehalt bei) verschärft die Situation noch. Ein Beispiel vom Spiegelfechter:

Die Konkurrenz vom Deutschen Depeschen Dienst - DDP - glänzte gestern darin, subjektive Einschätzungen der Polizei als Tatsachen darzustellen und angebliche Fakten nicht zu überprüfen.

Und dass auch bei Agenturen auch „nur Menschen“ arbeiten, überrascht wohl kaum, wird aber von Christiane Link amüsant beschrieben:

Seit dem Wochenende beobachte ich, wie eine Falschmeldung der dpa weite Kreise zieht. Dass es sich um eine Falschmeldung handelt, wusste ich schon ziemlich früh. Ich hatte es in einem Blog gelesen.

Wer jetzt lauthals schreit, wie denn sowas passieren kann, weiß nicht, unter welchem Druck Agenturjournalisten arbeiten.
[zur Fortsetzung]


Ob man Heiligendamm als Extrembeispiel für eine Berichterstattung sehen soll, die an der Unübersichtlichkeit der Geschehnisse scheitert, oder ob hier schonungslos offen gelegt wird, wie unprofessionell die Medien generell arbeiten, ist schwer zu beurteilen. Ersteres führt immerhin zu albern-lustigen Auswüchsen wie beim Citronegras-Blog, das zu einem Spiegel Online-Boykott aufruft:

Meines Erachtens hinkt die Qualität der Onlineausgabe sogar der Printversion hinterher. Reißerische Sex&Crime-Schlagzeilen, völlig irrelevante “News” frisch vom Boulevard, hämische Kommentare von Malzahn und Broder, schlecht recherchierte oder manipulative Artikel stehen der “Bild” in nichts nach - ausser dem immerhin-noch-ein-bißchen-seriös-Nimbus, der das Angebot ungerechtfertigt umgibt - und werfen ein schlechtes Licht auf jeden Nutzer der Seite.

Immer dieser haarsträubende Manipulationsvorwurf… dazu später (vielleicht morgen) mehr.

Update: auch die Tagesschau leidet unter den Arbeitsbedingungen vor Ort, wie Dr. Kai Gniffke im Tagesschau-Blog erläutert:

Die Geschichte in Kurzform: Natürlich wollten wir die 14Uhr-Ausgabe mit den spektakulären Demo-Ereignissen aufmachen - was sonst. Nun ist aber das Arbeiten vor Ort so schwierig, dass der Beitrag nicht rechtzeitig fertig wurde.
[zur Fortsetzung]