Journalismus

Wenn man einen gesellschaftlichen Funktionsbereich anhand des Grades seiner Professionalisierung beschreibt, wie ich es zuvor am Wissenschaftssystem versucht habe, dann kann man im Fall des Journalismus von einer im Vergleich geringeren Ausprägung sprechen. Das soll nicht heißen, Journalisten hätten eine schlechte Ausbildung. Einen Grund liefert Wolfram Leytz beim Tagesschau-Blog:

Der Journalist ist häufig „Allrounder“. Muss er auch sein, denn ein wichtiger Teil unseres Jobs ist es ja, ein bisschen Struktur in die Informationsflut bringen.

Die Professionalisierung des Journalismus ist also nicht primär als Expertise zu verstehen, sondern eher im Sinne eines Generalisten. Hinzu kommt, dass man ja in der Regel (außer in einer Fachpublikation) nicht für Experten schreibt. Informationen aus Politik, Wirtschaft etc. sollen möglichst allgemeinverständlich dargestellt werden; „Struktur in die Informationsflut bringen“ eben. Das führt dann dazu, dass man als Journalist permanent mit der Kritik echter oder vermeintlicher Experten konfrontiert wird:

Tja und dann ist da der Leser, der „Spezialist im beschriebenen Thema“. Der dem Journalisten seine Fehler (oder die er zumindest für solche hält) unter die Nase reibt.

Wer jemals was über Fußball geschrieben hat, weiß wovon ich rede. Da braucht man nicht Schalke 05 tippen, da langt es schon, wenn Kahn einen schlechten Tag hatte und man das auch schreibt. Eine halbe Million Bayern-Fans sieht das immer anders.

Zum einen öffnen sich durch diesen Antagonismus zwischen journalistischen Generalisten und vereinzelten Experten in der Öffentlichkeit Einfallstore für Kritik am Journalismus (und damit auch an den Medien). Darüber hinaus gehend können sich dann Beschreibungsformen formieren, die, der Ägide folgend ‚schreiben kann jeder’(polemisch formuliert! Ich tu’s ja auch), auf Begriffen wie ‚Bürgerjournalismus’ oder ‚Gegenöffentlichkeit’ fußen.

Diese Begriffe implizieren je eine Unterscheidung. Zum einen die vom Bürger gegenüber den großen kapitalorientierten Medienhäusern, die eine unabhängige journalistische Arbeit womöglich noch erschweren. Zum anderen die einer zweiten Öffentlichkeit, die neben der ‚herkömmlichen’ in irgendeiner Weise mitläuft und entweder über Dinge berichtet, die in der ‚eigentlichen’ Öffentlichkeit unterschlagen werden, oder dort berichtigte Dinge korrigiert und richtig stellt.

Die Abgrenzung wird aus beiden Richtungen vollzogen. Denn der klassische Journalismus reagiert in Teilen hektisch: Man bemüht sich die höhere Qualität im Gegensatz zu Blogs zu betonen und versucht Blogs möglichst klein zu schrieben und zu reden, so wie Christoph Keese, Chefredakteur der Welt am Sonntag und zuständig für Welt online, im Interview mit der Süddeutschen Zeitung:

Keese: Ich finde, es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen professionellem Journalismus und Blogs. Blogs sind private Tagebücher, professioneller Journalismus besteht aus der Kombination von Schreiben und Redigieren. Im Journalismus gibt es keinen Einhandbetrieb, sondern Autoren, die Texte schreiben, und Redakteure, die Texte bearbeiten, oft in einem vielstufigen Verfahren. Erst dadurch entsteht professioneller Journalismus.

Und Stephan Holthoff-Pförtner, Mitglied einer der Eigentümerfamilien der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", hat sich direkt dazu hinreißen lassen, Bloggern den Schutz des Grundgesetzartikels 5 abzusprechen, nur um dann zu beteuern es ginge lediglich um Satz 2, also den Presseschutz.