Heiligendamm

Nun, da die Proteste rund um den G8-Gipfel langsam verebben und das mediale Prozessieren von Informationen in vollem Gange ist, nutze ich die Zeit für ein kleines Brainstorming rund um die Geschehnisse. Zu beachten bitte ich, dass ich in diesem Eintrag wie wohl auch in eventuell folgenden an mich selbst den Anspruch größtmöglicher Neutralität habe. Man sollte aus dem was ich hier schreibe also nicht auf meine politische Gesinnung oder ähnliches schließen.

Ein denkbarer Ausgangspunkt ist die Frage, was die Veranstalter der Demonstrationen möglicherweise zum Ziel gehabt haben. Natürlich könnte man dies auf den vermutlich vorhandenen Internetseiten nachschauen, würde aber wohl kaum mehr als mit Werten angereicherte Selbstbeschreibungen vorfinden.

Man könnte das Ziel haben, möglichst zahlenmäßig präsent zu sein. Hierfür werden dann willkürlich gesetzte Zahlen wie die von 100.000 Demonstranten gesetzt, die erreicht werden können oder auch nicht. Letztendlich ist dies folgenlos. In einer Massendemokratie kommt es nicht auf Mengen an. Selbst eine statistisch für die Bevölkerung repräsentative Menge an Demonstranten könnte immer noch zur Minderheit reduziert werden. Demonstrationen sind eine überholte Form des Ausdrucks von Meinungen.

Vielleicht hat man auch zum Ziel, massenmedial präsent zu sein. Bereits einige tausend Demonstranten können vor Kameras eindrucksvoll sein. Hier schwingt jedoch immer das Risiko mit, sich den zehrenden Fliehkräften der öffentlichen Meinung auszusetzen und darin vollkommen die Kontrolle zu verlieren. Bereits heute ist in der Berichterstattung kaum mehr als eine Art Belustigung erkennbar. Spiegel Online zeigt sich amüsiert über die Hilflosigkeit, mit der man vergeblich versuchte einem Rockkonzert politischen Charakter zu verleihen und kommentiert bissig die weltfremde politische Kultur der Veranstalter.

Oder man hat zum Ziel friedlich zu bleiben. Das lässt sich zumindest in der Berichterstattung und dort aus den zahlreichen Selbstversicherungen friedlich zu bleiben ableiten. Anmerken könnte man, dass eben diese ständige Selbstversicherung eher den Zweifel an der Friedlichkeit nährt: wer ständig ausrufen muss, friedlich zu sein, setzt sich verstärkt dem Verdacht aus, doch eigentlich Gewaltpotential innezuhaben. Und dass dieses Gewaltpotential dann tatsächlich in Gewalt ausbrach, kann man beobachten, wenn man undifferenziert beobachten möchte.

Indes kommt die Berichterstattung über das eigentliche Zentrum des Geschehens, den Gipfel der sieben größten Industrienationen und Russland, gänzlich ohne Bezüge auf die Demonstrationen aus. Und man sollte nicht den Fehler machen, für diesen Umstand den Zaun oder die räumliche Distanz alleine verantwortlich zu machen. Das alles sind höchst bedenkliche Auswüchse, die hier und jetzt aber nicht thematisiert werden. Unbestritten sollte sein, dass die Demonstrationen in jedem Fall „draußen“ hätten stattfinden müssen, dass also unweigerlich eine Trennung zwischen dem Gipfel und den Demonstrationen gezogen worden wäre und ja auch ist.

Was sich also als Gesamtbild zeigt, sind zwei voneinander vollkommen abgeschottete Realitäten: drinnen der im arkanen, nicht-öffentlichen Raum stattfindende Gipfel, draußen das beklagenswerte Häufchen Demonstranten, das den Tagungsort noch so vehement anschreien mag: an ihre Kommunikation wird drinnen partout nicht angeschlossen werden. Politik ist immun gegen Proteste.

Was sich ebenfalls zeigt, ist ein hektisches und unübersichtliches Herumlavieren der Medien, sowohl der etablierten Massenmedien, als auch der so genannten unabhängigen. Spiegel Online übersetzt die Aussage “We have to bring the war right into this meeting” von Walden Bello mit “Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen“. Das ist unprofessionell, aber man wird auch fragen dürfen, ob nicht jegliche militaristische Rhetorik in so einem zugespitzten Setting und im Lichte der Öffentlichkeit fahrlässig ist.

Letztlich jedenfalls ist man als informationsbedürftiger Unbeteiligter, der sich möglichst umfassend sowohl bei den großen News-Portalen als auch in Blogs und in den „unabhängigen“ Medien ein Bild machen möchte, nach kürzester Zeit völlig hilflos. Wer die Gewalt losgetreten hat, kann man so oder so sehen, ob sich nicht sogar V-Männer der Polizei unter den Steinewerfern des schwarzen Blocks befanden, kann sein, aber vermutlich nicht, oder eventuell doch? Nirgendwo zeigt sich deutlicher als hier, dass Medien immer auch auf die individuellen Eindrücke von Personen vor Ort angewiesen sind. Und sobald dieser Ort zu groß, voll und unübersichtlich ist, sind diese Eindrücke mit größter Vorsicht zu genießen.