Heiligendamm II

Anlässlich eines Kommentars von Tanjev Schultz in der Süddeutschen Zeitung vom 5. Juni 2007 (leider nur für Abonnenten des E-Papers online verfügbar) möchte ich das Thema Heiligendamm und Proteste vertiefen und erneut das Fazit unterstreichen: In der Berichterstattung haben sich die Themen ‚G8-Gipfel’ und ‚Proteste gegen den G8-Gipfel’ vollkommen voneinander gelöst. Das ist einerseits wenig überraschend angesichts der räumlichen Trennung von Tagungsort und den Zentren des Protests. Die Proteste erreichen die teilnehmenden Staatschefs einfach nicht; die Demonstranten werden nicht gehört. Daher erscheint Schultz’ Aussage, Proteste setzten „Politiker - wie nun die Staatschefs der G8 – unter Druck und verhindern eine Arkanpolitik der Mächtigen“ recht unplausibel. Vielleicht habe ich es übersehen, aber einen kommunikativen Anschluss, irgendeine Reaktion „der Mächtigen“ auf die Proteste habe ich nicht wahrgenommen.

Andererseits finden beide Ereignisse aus Sicht der Öffentlichkeit ohnehin nur in den Medien statt und man darf unterstellen, dass die Veranstalter der Proteste diese auch primär für die Medien ausgerichtet haben, dies zumindest versuchten. Daher hat Schultz Recht, wenn er feststellt: „[Die friedlichen Demonstranten] müssen um die Sympathie der Öffentlichkeit für den Protest bangen.“ Das müssen sie aber in jedem Fall; hier kommen die bereits unten beschriebenen „zehrenden Fliehkräfte“ der Öffentlichkeit zum Tragen. Jede Einwirkung auf die Öffentlichkeit ist hochriskant und kann selbst nach professionellster Planung vollends scheitern. Andererseits böten die Medien aufgrund ihrer realitätskonstruierenden (nicht manipulierenden) Natur die Möglichkeit, die Kluft zwischen Gipfel und Protesten zu überbrücken. Wären die Proteste und der Gipfel medial in einen sachlichen Zusammenhang gerückt worden, hätte man auch in Bayern protestieren können. Auf die Örtlichkeit wäre es nur noch nachrangig angekommen.

Nun kreist die Berichterstattung über die Proteste leider primär um die dort ausgebrochene Gewalt. Und auf Diskussionen oder Spekulationen darüber, wer die Leute im schwarzen Block wirklich waren, ob man deren Teilnahme hätte verhindern können und welche Verantwortung Veranstalter und Polizei tragen, möchte ich mich nicht einlassen.

Aber auch wenn man die friedliche Seite der Proteste beleuchtet, kann man meiner Meinung nach gewisse Nachlässigkeiten oder Unprofessionalitäten im Hinblick auf die mediale Wirkung ausmachen. Mir zumindest erschließt sich einfach nicht, warum man im Rahmen einer Demonstration ein Konzert stattfinden lässt. Da werden aus Protestlern, die doch in großer Zahl und mit vereinter Stimme ihre Überzeugung kundtun sollten, bloße Zuschauer von Bands, von denen einige vielleicht leidlich politische Inhalte haben. Aus Schultz’ Beschreibung einer Demonstration „Seht her, so viele sind wir! Eine Demo ist vorderhand kein Ort des Diskurses, sondern des klaren – und lauten – Bekenntnisses […]“ wird mehr so etwas wie „Seht her, hier stehen wir und schauen uns Wir Sind Helden an“. Der Schluss, dass so aus einem Protest eine reine Wohlfühlveranstaltung mit Festivalstimmung wird, liegt mir jedenfalls zu nahe. Anders gesagt, schließt sich die Protestveranstaltung auf diese Art zu sehr nach außen ab. Es geht mehr um eine Binnenwirkung, das gegenseitige Versichern, auf der richtigen Seite zu stehen, als um jene geballte Außenwirkung.

Natürlich bin ich weiß Gott kein Experte für politischen Protest und man kann die Demonstrationen auch nicht auf die Konzerte reduzieren. Vielleicht genügt es schon, das Geschehen als uninspirierte Latschdemo zu bezeichnen, um den Kern zu treffen. Die Demonstration ist nun einmal eine relativ alte und vermutlich abgenutzte Form der politischen Meinungsäußerung. Schon allein das könnte genügen, um ihren medialen Wirkungsgrad auf ein Minimum zu senken und die Aufmerksamkeit auf Krawalle zu reduzieren.