'Bürgerjournalismus': Journalismus II

Vorgestern bloggte ich einige Ideen zum Thema Journalismus. Der Eintrag endete relativ abrupt mit der These, die Kritik am Journalismus formiere sich in Form von z.B. Blogs zu einer neuartigen Form der Berichterstattung, die sich mit den Begriff ‚Bürgerjournalismus’ selbst beschreibt, und der von den ‚klassischen’ Massenmedien erzeugten Öffentlichkeit eine ‚Gegenöffentlichkeit’ gegenüberstellt. Funktionen des ‚Bürgerjournalismus’ seien die Berichterstattung von Dingen, die in der Öffentlichkeit nicht thematisiert werden und die Korrektur von und Kritik an der Berichterstattung der ‚klassischen’ Massenmedien. Mit diesem Beitrag möchte ich vorrangig einige Ideen zum Thema ‚Bürgerjournalismus’ verstanden als Blogs präsentieren.

Eine zeitgeschichtliche Perspektive zum Thema liefert die TAZ mit ihrem Beitrag ‚Das altmodische Treffen’, der mit einer Beschreibung der Entstehung der ‚Gegenöffentlichkeit’ in den 70er Jahren eingeleitet wird.

Menschen sollten anderen Menschen direkt berichten, ungefiltert durch Journalisten und andere Kontrolleure.

Hier wird die Funktion des Bürgerjournalismus beschrieben, über das zu berichten, was die ‚klassischen’ Medien nicht berichten. Die Funktion der Strukturierung durch die Massenmedien wird mit Worten wie ‚Filter’ oder stärker ‚Gatekeeper’ negativ konnotiert und gleichzeitig wird impliziert, die Akteure des Bürgerjournalismus könnten diese Filter abstreifen (oder für sich gar nicht erst entstehen lassen) und ‚direkt’ berichten. Zweitens wird durch den Bezug auf ‚Menschen’ ein impliziter Gegensatz zu den organisierten, professionalisierten und kapitalorientierten Massenmedien konstruiert.

Eine sinnvollere Einordnung liefert Jan Tißler bei Upload, dem Magazin für digitales Publizieren, der Blogs als Lieferanten von Informationen beschreibt,

...für die sich in den klassischen Medien niemand interessiert, weil die Zielgruppe zu klein oder das notwendige Hintergrundwissen zu groß ist.

Hiermit wird der irreale Anspruch, Blogs könnten alles von den Massenmedien ausgelassene thematisieren zugunsten einer Art von Nischendasein von Blogs, ähnlich der Long Tail-Theorie aufgegeben.

Die zweite Funktion der ‚Bürgerjournalismus, nämlich die Korrektur von Fehlern der ‚klassischen’ Massenmedien, wird bei neunetz.com umschrieben:

Neben anderen Verfehlungen der Massenmedien während der G8-Sause war es besonders eine dpa-Meldung mit einer falschen Übersetzung, die zunächst auf SpOn und dann in nicht wenigen Zeitungen im deutschsprachigen Raum die Runde machte.

Bei Blogs kann ich aber davon ausgehen, dass ein Beitrag den Fakten entspricht, wenn er ein oder mehrere Tage im Netz steht ohne von einer anderen Seite (in den Kommentaren, per Trackbacks, auf anderen Seiten der gleichen Nische, oder gar freiwillig vom Autor usw.) beanstandet und gegebenenfalls korrigiert worden ist.

Hieraus lassen sich einige Überlegungen ableiten: Die organisierten Medienhäuser sind - gerade weil sie Organisationen sind - gegenüber Input von außen (v.a. Kritik, Korrekturen) in einem hohen Maße abgeschlossen und neigen aufgrund ihrer Professionalisierung oder ihres Selbstverständnisses, professionell zu sein, dazu, auf derartigen Input arrogant oder ignorant zu reagieren.

Im Gegensatz dazu sind Blogs und ist die Blogosphäre insgesamt von geradezu phantastischer Offenheit geprägt. Die gegenwärtige Technologie ermöglicht es jedem, ein Blog (und damit: ein Massenmedium) zu eröffnen. Blogs selbst erlauben und wünschen sogar Kommentare (die Kritik an denjenigen, die davon abweichen, bestätigt im Grunde die These) und gestatten damit Kritik in ihrem Medium selbst. Die hochgradige Vernetzung innerhalb der Blogosphäre führt zu einer Distribution von Informationen in einer bis dato unbekannten Geschwindigkeit. Zudem sind Blogs frei von Hierarchien, während zum Beispiel die hervorgehobene Stellung der Nachrichtenagenturen in den Massenmedien zu einer ungeprüften Veröffentlichung von Nachrichten führt, so dass sich auch Fehler über Tage hinweg in den Medien festsetzen.

Aber diese Stärke von Blogs ist zugleich ihr Problem:

[...] der Überblick ist verlorengegangen. Das liegt auch an den Blogs.

Deren Zahl nimmt schneller zu, als Leser lernen, was hinter der Wortschöpfung aus Web und Log, aus Internet und Tagebuch, eigentlich steckt. [Quelle: TAZ]

Denn der äußerst heterogene und nicht-hierarchische Charakter führt zu einer Strukturlosigkeit, die für den Leser zunächst nur eine Zumutung darstellt. Den selben Punkt beschreibt Jan Tißler, wenn er den chaotischen Charakter der Blogosphäre hervorhebt und daher den Vorschlag eines strukturgebenden Blogverbundes unterbreitet.