Beobachten von Beobachtungen: Wahlforschung II

Gestern wurde praktisch überall darüber berichtet, dass die SPD in den Umfragewerten auf einem neuen Tiefststand sei. Offenbar hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa Zahlen veröffentlicht, laut denen sie „in der Wählergunst auf 25 Prozent abgesackt“ sei. Zugleich schwinde der Rückhalt von Kurt Beck – vor allem wohl im Hinblick auf eine mögliche Kanzlerkandidatur – in der Bevölkerung wie auch in der SPD.

Wie die Sozialdemokraten hierauf reagieren, darüber kann nur spekuliert werden. Ignorieren kann man die Zahlen nicht, denn nur Umfragen erlauben der Politik einen Blick in die Untiefen der Gesellschaft. Aber man wird wahrscheinlich nicht in Chaos und Hektik (zumindest nicht mehr als bislang) ausbrechen; dazu kennt man das auf und ab und die gestern geschilderten Unwägbarkeiten von Umfragen wahrscheinlich gut genug. Und nach außen hin kann man erst Recht Gelassenheit vorhalten, so wie Florian Pronold, Abgeordneter im Bundestag: "Forsa-Werte sind sowieso ein Schmarrn". Hier wird der Modus ‚Umfragewerte haben kaum noch Aussagekraft’ verwandt. Man kann jedoch sicher sein, dass jeder Politiker bei positiven Werten für seine Partei diese als Bestätigung seiner Politik dankbar aufgreifen wird.

Aber, und besonders mit dem Artikel ‚Schon wieder Mindestlohn, oder: Politiker in den Medien’ im Hinterkopf, kann man auch hier festhalten, dass man lediglich die Medien beobachtet, wie diese die Politik beobachten. Oder noch genauer, wenn auch haarspalterischer: Die Medien, wie sie das Meinungsforschungsinstitut Forsa beobachten, wie dieses die Politik beobachtet.

Was das Institut selbst betrifft, so könnte man darauf hinweisen, dass es den Ruf hat, der SPD nahe zu stehen. Was das in diesem Kontext bedeutet, ist aber spekulativ. Interessanter ist, was die Medien mit dieser Nachricht anfangen. Hierzu lohnt es sich, auf die Nachrichtenwerte hinzuweisen, mittels derer Medien Informationen (überwiegend) aus ihrer Umwelt für berichtenswert erachten. Und Zahlen spielen da eine große Rolle, besonders, wenn man diese in einem komparativen oder sogar superlativen Zusammenhang darstellen kann („…gegenüber der Vorwoche um 2 Punkte auf 25 Prozent…“, „…schlechtester Wert seit der Bundestagswahl 2005…“, etc.). Das hat dann einen schönen sportlichen Wettkampfcharakter, symbolisiert oder induziert sogar Konflikte und vor allem: es hört nie auf. Die ‚Sonntagsfrage’ lässt sich ohne weiteres im Monatsrhythmus stellen und Veränderungen sind nahezu garantiert.

Zusammenfassen kann man auch hier wieder, dass ‚die Medien’ jegliches Bild von Politik, das man haben kann, massiv mitgestalten. Und dies nicht aus manipulativen Interessen heraus, sondern, weil sie eben nur ein Bild von Politik darstellen können und nicht die Politik. Setzt man eine Art platonischer Realität voraus, so zeichnen die Medien eher die Schatten an den Wänden der Höhle. Geht man jedoch von einer Realität aus, die nur und immer nur durch Konstruktion erfahrbar wird, so zeichnet sich für die moderne Gesellschaft ein noch folgenreicheres Bild ab. Dann sind es nämlich im Wesentlichen, wenn nicht sogar ausschließlich, die Medien, die unsere Realität überhaupt erst herstellen. Oder: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien." (Niklas Luhmann in ‚Die Realität der Massenmedien’)